Schon als Kind faszinierten mich die Pflanzen und Tiere in meinem Heimatort Jahrsau ca. 20 km östlich der Hansestadt Salzwedel. Meine Mutter Berta Düsterhöft war mit Ihrer Mutter und den beiden Töchtern als Vertriebene von Ostpreußen in diesen Ort gekommen. Sie erhielten ein kleines Häuschen. Der Bauer der dort vorhr wohnte, war mit seiner Familie durch die damals noch offene Grenze in den Westen geflüchtet. Mein Vater, Karl Westphal hatte es auch in diesen Ort verschlagen. Er arbeitete als Landwirt bei Bauern und später in der LPG. Den 2. Weltkrieg hatten sie lebend überstanden und so wagten sie einen Neuanfang. Sie lernten sich kennen und lieben. Am 20. August 1954 erblickte ich das Licht der Welt im Klinikum Salzwedel. Und so begann dann meine Lebensgeschichte eben in diesem kleinen Ort, der sieben Jahre später eingeebnet wurde, weil niemand mehr dort wohnen wollte.
Berta Düsterhöft geb. Prischmann Karl Westphal
Horst-Gerhard Düsterhöft
Ursula Prischmann
Meine Tante
Schon als Kind faszinierten mich die Tiere und auch Pflanzen. Da waren die leckeren Früchte und das Gemüse in unserem Garten an denen wir als Kinder gerne naschten. Es gab die alten Eichen an der kleinen Kapelle, in die der Blitz eingeschlagen hatte. Haussperling, Schwalben in den Ställen, Störche auf den Wiesen und Greifvögel die über dem Ort kreisten waren allgegenwärtig. Furchteinflößend der Wald zu unserem Nachbarort mit Wildschwein, Fuchs und Reh. Und natürlich auch die Haustiere, Katze, Hund, Kühe, Pferde die uns Nahrung gaben, die Bauern bei der Arbeit auf dem Feldern halfen und mit denen wir als Kinder auch spielen konnten.
Eine besondere Faszination hatten jedoch die Gräben und kleinen Teiche in der Nähe der innerdeutschen Grenze. Hier konnte ich den ganzen Tag zubringen, fing Fische und andere Wassertiere und setzte sie zum Beobachten in Gläser. Wenn es Ihnen nicht gut ging, überlegte ich, wie ich ihre Lebensbedingungen verbessern konnte. Eine besondere Faszination auf mich hatte ein Teich, der nur 200m vom Grenzzaun entfernt war. Über einen Graben hatte er zufluss zu dem Moorgebiet und den Grenzgräben. Im Frühjahr zogen Hechte zum Laichen in diesen Teich. Und auch die wollte ich natürlich fangen. Aber es gelang mir nicht, denn Kescher oder Angeln hatte ich noch nicht und als dann auch noch weitere Leute aus unserem Ort über die Grenze flohen, erlaubten uns die Grenzer den Zugang nicht mehr.
Gerhard und Karl auf dem Bauernhof Karl spielte Sonntags oft mit dem
Akkordeon in Jahrsau
Mein Vater Karl im Wald
Vater Karl zum 1. Mai 1958
Gerhard auf dem Hof unseres Hauses in Jahrsau
Die Kindheit verging und der Schulanfang rückte näher. Nun war der Weg zur Schule mehr als 3 km lang. Eine Gaststätte, Einkaufsmöglichkeiten, medizinische Betreuung und auch Telefon gab es in diesem Ort nicht. So war es nur eine Frage der Zeit, dass meine Eltern auch den Ort verlassen würden. Der Zufall wollte es, dass im Nachbarort Jeebel eine ältere allein stehende Frau wohnte, die keine Verwandten hatte. Meine Eltern pflegten sie bis zum Tode und erhielten dann ihr Wohnhaus geschenkt. Ich fand neue Freunde und wurde am 1. September 1961 in der Dorfschule in Riebau eingeschult. Die 1. und die 3. Klasse hatten wir in einem Raum in Riebau unseren Unterricht. Die 2. und die 4. Klasse unterrichtete uns eine junge Lehrerin in Jeebel. Und auch an meinem neuen Wohnort, war ich immer mit der Natur verbunden.
Gerhard Düsterhöft & Harald Plaul
Auf unserem Hof hatten wir Schweine, Hühner, Enten und natürlich auch Katzen, mit denen man spielen konnte. Nach unserem Umzug nach Jeebel bekam ich auch eine griechische Landschildkröte. Ich nannte sie Jolli. Nur kurze Zeit später war sie ausgebüchst und ich war sehr traurig. Der Winter kam und ein neues Jahr folgte. Irgendwann im Sommer gab es ziemliche Aufregung in unserem Ort. Die Melker hatten auf der Wiese eine Schildkröte gefunden und brachten sie mit. Und tatsächlich, es war meine Jolli, die ich an einer Kerbe im Panzer erkannt. Sie blieb noch lange bei uns, bis meine Eltern sie dann in den Tierpark nach Sazwedel brachten.
Auf unserem Scheunendach befand sich ein großes Storchennest und jedes Jahr im Frühling warteten wir gespannt auf die Wiederkehr unserer Störche. Wie Kinder waren täglich unterwegs in der Notkule einem kleinen Wald, mitten im Ort in dem sich ein Feuerlöschteich befand. Hier bauten wir Butzen, fingen Fische und anderes Wassergetier, bauten uns aus Hasel Bögen, aus Schilf Pfeile und im Winter, wenn der Teich zugefroren war, schnitzten wir uns Eishockeykrücken aus den Sträuchern. Sammeln von Eicheln und Kastanien, den Eltern im Garten oder auf dem Felde helfen gehörte mit dazu. Ausreiten der Pferde oder beim Vietrieb helfen machte Spaß und förderte ganz entscheidend die Verbindung mit den Lebewesen, die uns umgaben.
Fritzchen Thunecke
Ohne Pflanzen und Tiere kein Leben, diese Erkenntnis kam bereits als Kind. Und irgendwie erkannten dies auch meine Freunde. So fragten sie mich oft was man essen könnte und was nicht. Der Maulbeerbaum auf unserem Schulhof trug Früchte, die man Essen konnte. Der Sauerampfer auf der Wiese schmeckte mir genau so, wie die Maiskolben Nüsse, Apfel und Birnen in Nachbars Garten. Im Herbst brutzelten wir am Lagerfeuer Kartoffeln aßen süße Zuckerrübenschnitsel und sammelten wir Pilze. Meine Tante Ulla war Kindergärtnerin und lehrte mich viele Dinge.
Kindtaufe Dörte Schneider 1966
Ach meine Eltern gaben mir Ihre Erfahrungen weiter. Sie lasen mir förmlich jeden Wunsch von den Lippen ab und versorgten mich mit Heften und Büchern, in denen viele interessante Dinge geschrieben standen. Besonders angetan hatten es mir die Mosaik Hefte von Hannes Hegen. Hier wurden interessante Geschichten der Digedags mit naturwissenschaftlichen und historischen Ereignissen verbunden. So lernte ich die Zeit der Saurier kennen und auch biologische und chemische Zusammenhänge, die selbst für ältere Jugendliche in der heutigen Zeit völlig unbekannt sind.
Mich faszinierte die Kernfusion genau so wie die Photosynthese und besonders die außerordentlichen Fähigkeiten der Lebewesen wie Vogelflug, Atmen unter Wasser, Überleben ohne Nahrung und ohne Sauerstoff zu atmen.
Ich fing auch wieder Fische im Dorfteich und in den Gräben, setzte sie in größere Glasgefäße und gestaltete ihre Lebensräume nach. Und wenn sie sich nicht wohl fühlten, setzte ich sie wieder in das Gewässer zurück. Das Schlimmste Erlebnis war für mich als Kind, wenn im Frühjar der Schlachter auf unserem Hof erschien um unser Hausschwein zu schlachten, deren Lebensweg man mit begleitet hatte. Als kleines Ferkel hab ich mit Ihm gespielt. Ich hab es gefüttert und vom dem abgegeben, was ich nicht mochte. dann kam der Schlachter und das geliebte Tier wurde getötet und musste ausbluten. Anfangs schaute ich zu, dann jedoch lief ich einfach weg und weinte. Und irgendwann kam dann auch die Erkenntnis, dass mein eigenes Leben endlich wäre. So erwuchs der Wunsch in mir, das Leben zu verlängern und alles dafür zu tun, um dieses Ziel zu erreichen. Ich trieb Sport, verzichtete auf alles was den Körper schädigen könnte, hatte einen Ekel vor Zigarettenrauch und später auch vor Alkohol. Ich achtete das Leben und jedes Lebewesen, ich untersuchte, fotografierte, sammelte alles was mit Leben und mit Lebewesen zu tun hatte. Bei einem Geburtstag bei meinem Freund Fritz Thunecke sah ich das Erste mal den Film "Reise in die Urzeit". Eine fantastische Vorstellung für mich als Kind auch Saurier hautnah zu beobachten. Aber nicht nur das. Ich stellte mir auch die Frage, woher man wusste wie diese Lebewesen ausgesehen hatten. Und wieder halfen mir die Mosaiken weiter. Hier stand es beschrieben. Fossilien sind solche Überreste, Versteinerungen und Abdrücke von Lebewesen längst vergangener Zeit. Und als ich dann in der 5. Klasse zum ersten Mal ins Ferienlager nach Dierhagen an die Ostsee fahren durfte, wurde auch dieser Traum wahr. An der Ostsee sammelte ich meine ersten Donnerkeile, versteinerten Seeigel und Abdrücke von Pflanzen und Tieren der Vorzeit. Wir streiften durch die Wälder und beobachteten Kreuzottern und Eidechsen, die sich an Steinen sonnten. Im Meer gab es Quallen, Seesterne und ganz platte Fische, die wir noch nie gesehen hatten. Im Fernseh liefen Flipper der Delphin und Fury das Pferd , welches Abenteuer erlebte. Ja und dann hatte ich auch das Fach Biologie. Ich sehnte förmlich die nächste Stunde herbei und berichtete meiner Lehrerin stolz über meine Erlebnissse und Beobachtungen mit Pflanzen und Tieren.
Und dann irgend wann in der 6. Klasse hörte ich das Erste Mal auch davon was zwischen 1939 und 1945 passierte. Es gab einen Weltkrieg, in dem sich Menschen gegenseitig töteten, nur um Land und Macht und Geld zu erhalten. Es gab Konzentrationslager in denen Menschen, Männer, Frauen, Kinder eingesperrt wurden, nur weil sie einen anderen Glauben oder eine andere Weltanschauung hatten. Als ich dann auf der Jugendweihefahrt das Erste Mal das Konzentrationslager Sachsenhausen bei Berlin besuchte und die Gaskammern und Verbrennungsöfen von Menschen sah, da entstand in mir ein Hass, gegen die Menschen die diese schrecklichen Dinge getan hatten. Ich fragte meinen Vater und er erzählte mir was damals geschah. Er hatte auch Bücher über chemische Kampfstoffe und deren Einsatz in den beiden Weltkriegen und danach.
Und unweigerlich beantwortete dies dann auch die Frage, warum nur 1000 m hinter unserem Ort Jeebel, eine Grenzzaun gebaut wurde, der Menschen in West und Ost voneinander trennte. Es war ein Zaun, der uns auch vor diesen Menschen schützen sollte, die diese Kriegsverbrechen zu verantworten hatten. Die schlimmsten Verbrecher hatten sich das Leben genommen aber auch einige hatten überlebt und waren bereits wieder in hohen Positionen des westdeutschen Staates aufgestiegen. Die eigentlich Hauptschuldigen an der Vernichtung von Menschenleben waren jedoch die Konzerne, die die Waffen, Munition, Kampfstoffe, Atom- und Wasserstoffbomben herstellten.
Ihnen ging es immer nur um des Eine, nämlich den Profit. Obwohl ich "Das Kapital" von Karl Marx nie gelesen hatte, las ich auf einer Karrikatur ein Zitat aus seinem Werk, dass mich in der Folge immer wieder bestätigte, das das Profitstreben, die Wurzel allen Übels ist. Selbst auf die Gefahr des Galgens bzw. des Untergangs der Menschheit und der Vernichtung des menschlichen Lebens auf unserem Planeten.
Selbst auf die Gefahr des Galgens „Mit entsprechendem Profit wird Kapital kühn. 10 Prozent sicher, und man kann es überall anwenden; 20 Prozent, es wird lebhaft; 50 Prozent, positiv waghalsig; für 100 Prozent stampft es alle menschlichen Gesetze unter seinen Fuß; 300 Prozent und es existiert kein Verbrechen, das es nicht riskiert, selbst auf die Gefahr des Galgens.“ Karl Marx, „Das Kapital“, Band 1 (MEW Bd.23, S.788, Fußnote 250) Marx zitiert den englischen Gewerkschaftsfunktionär Thomas Joseph Dunning
Ich kam zu der Einsicht, dass die innerdeutsche Grenze nicht dazu geschaffen wurde, die Flucht von DDR Bürgern in den Westen zu verhindern, sondern dazu, um uns vor diesen profitgierigen, machthungrigen Leuten zu schützen. Denn Westfernsehen hatten wir auch als Kinder und wir sahen was in den 60iger und 70iger Jahren auf der anderen Seite der Grenze passierte.
Aufrüstung bis an die Zähne, Kriege in Ländern, die den sozialistischen Weg gehen wollten. Drohungen mit der völligen Vernichtung der Menschheit, waren für uns allgegenwärtig. Mit diesen Leuten wollte ich nichts zu tun haben. Und wenn uns unsere Verwandten besuchen wollten, so klappte dies auch, wenn sie höflichst darum baten. Und wer partu dieses Leben in der DDR nicht leben wollte, der hatte auch Möglichkeiten sich, rechtzeitig in den Westen abzusetzen, zu einer Zeit wo es möglich war.
Alle Kriege und Konflikte seit Anbeginn bis heute begangen damit, dass der Agressor Grenzen missachtete und benachbarte Länder überfiel. Wer das nicht kapiert, dem ist auch heute nicht zu helfen. Freiheit und Demokratie sind Begriffe, die von Menschen gemacht wurden, um Gut und Böse in Worte zu fassen. Immer wieder der heutigen Generation einzureden, die Menschen in der DDR waren Unfrei und lebten in einer Diktatur ist Propaganda, eben dieser profitgierigen Personen, die auch heute mit dem Feuer spielen.
"Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit". Dies ist kein Spruch, den Lenin, Stalin, Ulbricht oder Honnecker erfunden haben, sondern der Philosoph Hegel im Anti-Dühring, lange bevor es den Sozialismus gab. „Hegel war der erste, der das Verhältnis von Freiheit und Notwendigkeit richtig darstellte. Für ihn ist die Freiheit die "Einsicht in die Notwendigkeit". 'Blind ist die Notwendigkeit nur, insofern dieselbe nicht begriffen wird.‘ Nicht in der geträumten Unabhängigkeit von den Naturgesetzen liegt die Freiheit, sondern in der Erkenntnis dieser Gesetze, und in der damit gegebnen Möglichkeit, sie planmäßig zu bestimmten Zwecken wirken zu lassen.“.
Wer das versteht, der wird auch ganz schnell erkennen, dass ein Staat, der sich heute als "Demokratie" bezeichnet ganz schnell zu einer "Diktatur" mutieren kann, wenn der Verlust an Profit und damit Macht droht. Dann versuchen reaktionäre Kräfte, eben selbst auf die "Gefahr des Galgens" eine Revolution zu verhindern. Und dies geht am Besten mit einem Diktator und einem hoch gerüsteten Militärapparat. Unter dem Motto "Und willst Du nicht mein Bruder sein, dann hau ich dir die Fresse ein", sehen wir auch in der heutigen Zeit die Fratze des Kapitalismus, Imperialismus bei einem Regierungsscheff, der selbst seinen "Freunden" mit wirtschaftlichen Sanktionen und Repressalien droht, um als stärkste Weltmacht da zu stehen. Nur gut, dass es da auch Politiker und Nationen gibt, die diesem Streben Einhalt gebieten. Es wäre ganz interessant sich anzusehen, ob Nord- und Südkorea sich so einigen können, dass beide Staaten ihren Weg in unterschiedlichen gesellschaftlichen Ordnungen weiter beschreiten. Die Grenze soll bleiben, aber Menschen sollen selbst entscheiden können, welches gesellschaftliche System für sie das Bessere wäre.
Wir konnten es nach dem Fall der Mauer auch in Deutschland sehen, dass eine Flüchtslingswelle in den Westen ausgeblieben ist. Und selbst, nachdem man uns hier im Osten über Jahrzehnte belogen und betrogen, und uns unsere Identität genommen hatte, sind wir nicht in den Westen gegangen. Ein Zeichen dafür, dass Freiheit, die Einsicht in die Notwendigkeit ist, dort zu bleiben, wo man sich wohl fühlt. Dies nennt man Heimat. Musikalisch zum Ausdruch gebracht in dem Pionierlied "Unsere Heimat". In diesem Lied drückt sich auch die Liebe zur Natur und die Achtung der Lebewesen und des Lebens aus.
Und wenn man irgend etwas nicht hatte, dann hat man es selbst hergestellt. Den Grundstein legten unsere Eltern, unsere Freunde und die Lehrer, die uns Kinder und Jugendliche in unserem Forscher- und Tatendrang unterstützten. Um sich ein Aquarium einrichten zu können, las man zunächst Hefte und Bücher. Um sich ein Radio oder einen Verstärker zusammenzubauen, musste man die Bauteile aus alten Radios, Fernsehern auslöten. Man musste die Hauptplatine selbst zeichnen, mit Lack abdecken und ätzen, dann bohren, bestücken und die Bauteile einlöten. Und damit es überhaupt funktioniert, musste man wieder Bücher lesen, Schaltpläne verstehen, und Testen. Die Bauteile im Elektronikladen kaufen, wäre zwar der einfachste Weg, doch das kostete Geld. Und das musste man sich erst ein Mal verdienen.
Rüben verziehen, Kartoffeln sammeln, Kartoffelkäfer absammeln, Kühe treiben, Pferde auf die Koppel bringen, Schweine füttern, Holz hacken, Straße fegen, Garten graben, im Haushalt helfen usw. Auch Kinder und Jugendliche können diese Arbeiten verrichten, wenn es nicht in Ausbeutung ausartet. Und Geld bakam man eben auch aber nicht im Übermaß. Und wenn dann unsere Eltern sahen, wir achteten auch den Wert unserer Spielsachen und Geschenke, reparierten sie, wenn notwendig, dann bekamen wir auch zu Festtagen mal ein ganz besonderes Geschenk oder hatten sogar einen Wunsch frei.
Dies ist Erziehung, in einer Gesellschaft, in der das Geld eine unbedeutende Nebenrolle spielte, in der es uns darum ging glücklich zu sein, in Frieden zu leben, bescheiden zu sein, unsere Eltern zu achten und zu ehren, und alles Ziele zu erreichen, die man sich vorgenommen hat.
Und so kam ich auch zur Chemie, die untrennbar mit der Biologie verbunden ist. Denn alles um uns herum in der belebten und unbelebten Natur beruht auf chemischen Elementen und chemischen Reaktionen. Von 1965 bis 1968 besuchte ich die Heinrich-Heine Oberschule in Salzwedel. Von meiner Mutter erhielt ich stets eine Mark Taschengeld um mir etwas zu Essen, zu trinken zu kaufen oder auch das Geld zu sparen und für andere Dinge auszugeben. Hin und wieder kaufte ich mir auf dem Weg zum Bahnhof eine Bockwurst eine Limonade oder eine Schlager Süßtafel. In den Freistunden oder auch bei Unterrichtsausfall ging ich fast immer in die Buchhandlung Weihe und schaute mir interessante Bücher und Hefte an, die ich dort fand.
Zum Kaufen reichte mein Taschengeld meist nicht und so sparte ich mein Taschengeld, oder half zu Hause, um mein Taschengeld aufzufrischen. Zu Festtagen oder zum Geburtstag gab es ja immer größere Geschenke, oder wenn ich mal nicht wusste, was mir meine Eltern schenken konnten, erhielt ich extra Taschengeld geschenkt. In den Sommerferien 1968 besuchte mich mein Freund Wofgang Heimes. Er war zwei Jahre älter als ich und hatte bereits Chemie im Unterricht. Er berichtete mir, wie man Schwarzpulver herstellen und Blitzknaller sowie Feuerwerksraketen bauen konnte. In unserem Dorfkino hatte ich auch den Film Carbid und Sauerampfer gesehen, in dem gezeigt wurde, wie man damit Fische fangen könnte. Carbid in die Flasche, Wasser dazu, Deckel drauf und in den Teich hineinwerfen. Alles eigentlich recht einfach.
Sogar ein Gasbrenner mit Carbid ginge ganz leicht herzustellen. Dazu brauchte man eine größere Maggi Flasche, diese hatte einen Deckel mit 2 schmalen Öffnungen. Wieder Carbid in die Flasche, Wasser dazu, Deckel aufschrauben, ein wenig abwarten und dann an der einen Öffnung anzünden. Ja der Wolfgang beeindruckte mich schon mit seinem enormen Fachwissen. Aber woher sollte ich Carbid bekommen? Der Zufall wollte es, dass ich in unsere Schmiede kam. Hier stand ein Schweißapparat und ein großes Fass mit Carbid gab es auch. Ich fragte den Schmied höflich, ob ich ein paar Stücken bekommen könnte. Er hatte nichts dagegen, als ich Ihm versicherte, ich bräuchte es für ein Experiment für den Chemieunterricht. Die große Maggi Frasche hatte ich ebenfalls ganz schnell gefunden. In eine Ecke auf unserem Hof zerklopfte ich das Carbid in kleine brocken . Gab es in die Flasche füllte etwas Wasser dazu, drehte den Deckel drauf und wartete einen Moment. Dann zündete ich ein Streichholz an und hielt es an die Öffnung. Es gab plötzlich eine fürchterliche Explosion, mein Trommelfell war nicht geplatzt, weil ich den Mund geöffnet hatte. Ich hielt nur den Flaschenhals in der Hand und wartete, ob irgendwo Blut fließen würde. Meine Mutter kam schreiend aus der Küche und rief: "Was hat der Junge nun wieder angestellt?" Sie nahm mich in Ihre Arme und bestätigte mir, dass alles noch an meinem Körper dran ist und dass bis auf kleine Wunden mein erstes Experiment glimpflich ausgegangen ist.
Anstatt nun jedoch mit mir schimpfen, mir Hausarrest zu geben oder mein Taschengeld zu kürzen schenkte sie mir ein Buch: "Chemie selbst erlebt" von Erich Grosse und Christian Weissmantel. Auch ich zog Lehren aus dem verpatzten Experiment, nämlich erst Studieren und die Grundlagen chemischer Reaktionen kennen lernen. Dann Planen, welche Geräte und Chemikalien zum Einsatz kommen sollten.
Unbedingt mit kleinen Mengen hantieren und auf keinen Fall Explosivstoffe in verschlossenen Behältnissen aus Metall, Glas oder Kunststoffen zünden. Und ganz wichtig: Einen Zünder bauen, der Gelegenheit bietet sich in Sicherheit zu bringen bzw. die Zündung aus der Ferne durchzuführen. Mein Chemiebuch verschlang ich förmlich und so war ich mit dem beginnenden Chemieunterricht an unserer neuen polytechnischen Oberschule in Pretzier der Schüler, der wohl als Einziger immer schon Bescheid wusste, wenn unser Lehrer Herr Brennecke komplizierte Fragen stellte. Durch Experimente in meinem Chemiebuch motiviert, suchte ich natürlich auch nach Wegen, an Geräte und Chemikalien heran zu kommen. Einen Teil, wie Blitzlichtpulver (Magnesium), Schwefel, Holzkohle, Pottasche, Natriumnitrat und andere Salze bekam man in der Drogerie.
Als nächstes versuchte ich es in der Adler Apotheke in Salzwedel. Ich nahm ein Päckchen Kaffee mit, stellte eine Liste mit organischen und anorganischen Chemikalien zusammen und bat die Apothekerinnen höflichst, mir ein paar Chemikalien in meine Tasche einzupacken. Beim ersten und zweiten Mal waren es nur ein paar Dosen und Flaschen mit den geforderten chemischen Stoffen. Beim drittem Mal sollte ich eine Rucksack mitbringen. Der Boden der Apotheke sollte aufgeräumt werden. Und dort standen diverse Flaschen Gläser Porzellangefäße Mörser, Balkenwagen. Der Rucksack war voll und ich bedankte mich mit nochmals 2 Päckchen Kaffee bei den freundlichen Apothekerinnen. Zu Hause hatte ich in meiner Dachkammer bereits ein kleines Labor eingerichtet.
Alles fein säuberlich sortiert und ordentlich beschriftet, wie es sich gehörte. In dieser Kammer hatte ich auch meine Elektronikteile, Lötkolben und Werkzeug gelagert. Und mit der 9. Klasse erhielt ich auch den Fotoapparat mit Geräten für das Entwickeln der Filme und Bilder gleich dazu. Herr Brennecke, mein Chemielehrer versorgte mich mit Reagenzgläsern und Laborgeräten, die er entbehren konnte. Dafür half ich Ihm auch als Fachhelfer im Chemieunterricht beim Aufbau und Abbauen der Geräte.
Noch durfte ich zu Silvester keine Feuerwerkskörper und Raketen kaufen. So studierte ich "Blindgänger", die ich vom letzten Silvester auf der Straße fand. Die Herstellung von Schwarzpulver bereitete ein großes Problem, denn das Mischungsverhältnis von Kalisalpeter, Schwefel und Kohlepulver passte zwar, aber so richtig wirkte es nicht. Besser war da schon das Blitzlichpulver. Normaler weise nahm es der Fotograf, wenn er unterwegs kein elektronisches Blitzlicht hatte. In einem kleinen Papierbeitel befand sich das Gemisch aus Magnesiumpulver und etwas Chlorat. Daran war eine Zündschnur. Der Beutel wurde auf einen flache Platte vor der zu fotografierenden Person gelegt, die Zündschnur angezündet. Und in dem Moment wenn ein greller Blitz erschien drückte man auf den Auslöser des Fotoapparates.
Leider versiegte diese Quelle Ende der 60iger Jahre. Durch meinen erhöhten Bedarf an Blitzlichtbeutel waren auch die letzten Bestände ausverkauft. Sie wurden auch nicht mehr geliefert. Zu gefährlich war es geworden, damit zu fotografieren. Schließlich hatten in den 60iger Jahren der Transistor die Radioröhre abgelöst. Transportable Transistorradios, Verstärker und elektronische Blitzlichgeräte lösten die alte Technologie ab. Anfangs gab es für Blitzlich noch Blitzlichtlämpchen, die mir Magnesiumwolle gefüllt waren. Über einen elektronischen Zündmechanismus wurde der Blitz ausgelöst. Das Lämpchen war aus durchsichtigem Kunststoff mit Glas ummantelt.
Nachdem man des Glas zersplittert hatte brauchte man nur nuch den oberen Teil des Lämpchens aufschneiden. Nun konnte man an der Seite zwei Drähte anschließen, es in ein Papprohr einbauen und von einer Seite verkleben. Auf der anderen Seite füllte man Schwarzpulver ein und verschloss auch oberen Teil des Rohres aus Pappe. An eine Flachbatterie 9 Volt schloss man nur am Ende des Drahtes die Batterie an und zündete so den Knallkörper.
Ja und dann gab es auch die Blitzlichtlämpchen nicht mehr. Ausverkauft, weil ich auch meinen Freunden mitteilte wozu man sie gebrauchen kann. In meinem Chemiebuch hatte ich bereits eine Lösung gefunden . Man brauchte halt nur eine Chemikalie mit Namen Kaliumchlorat. Mit Traubenzucker gemischt und gezündet, kommt es zu einer heftigen Reaktion.